• Wirtschaftsdemokratie – Speerspitzen ins Fleisch der bürgerlichen Gesellschaft

    Nach 33 Jahren journalistischer Tätigkeit in Lateinamerika bin ich 2002 in die Schweiz zurückgekehrt. Seither versuche ich, den Fokus der Beobachtung des politischen Geschehens Schritt für Schritt zu erweitern, ohne meinen früheren Lebensraum aus den Augen zu verlieren. Bei dieser Suche stiess ich auf die «Humane Wirtschaftsdemokratie» von Ota Sik, der 1968, in den Zeiten…

  • Die Bildung, der neue Lehrplan und die SP

    Der neue Lehrplan ist ein umfangreiches und phasenweise widersprüchliches Werk, der daher auch oft gelobt und oft kritisiert wird. Wie jeder Lehrplan hat auch dieser seine starken und seine problematischen Seiten und wie mit jedem Lehrplan wird man auch mit diesem je nach Haltung und Rahmendbedingungen besseren oder schlechteren Unterricht halten können. Doch um diese…

  • Der Tod des Philosophen. Zum 25. Jahrestag des Massakers an der UCA (San Salvador)

    Seit der Hinrichtung von Sokrates gehört der heimtückisch oder durch ein Gerichtsurteil angeordnete und brutal exekutierte Tod von Philosophen zur Geschichte des Denkens. Mögen jeweils die Umstände und Anlässe, die Nutzniesser und Opfer verschieden gewesen sein; in jedem dieser Fälle stellt sich das Erschrecken über die Erkenntnis ein, dass mit der Ermordung und damit der…

  • Armen Avanessian: Überschrift. Ethik des Wissens – Poetik der Existenz

    I mention I am quitting to a friend, this after we have spent a long time bitching about the state of the university and our students. She recoils. As though I have slapped her. We can complain – that’s part of our affective duty. But to leave is unthinkable. It is unthinkable in a place…

  • Sozialkapitalismus und Krise. Von der inneren Landnahme zu äußerer Dominanz*

    »Europa befindet sich in seiner wohl schwersten Krise seit 1945. Eine wachsende Zahl historisch versierter Zeitgenossen sieht sich bereits an die Lage vor 1933 erinnert.« (Claus Offe 2013) Vergleiche mit der Zeit vor 1933 mögen als Überdramatisierung erscheinen und doch bringen sie die Lage in Europa auf den Punkt. Verlangte die Europäische Idee ursprünglich den…

  • Giaco Schiesser über Oskar Negt/Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn

    Schon Gestaltung und Haptik des Buches kündeten 1981 von Erweiterung, Bruch und Transformation ineins: gediegener dunkelblauer Umschlag, Autorennamen und Buchtitel in Goldprägedruck, 1283 Dünndruckseiten, rosa-orange, an die Eleganz und Griffigkeit der Gazzetta dello Sport erinnernd. Die protestantisch-nüchterne MEW-Ausgabe der DDR wurde hier ernstgenommen und ironisch-subversiv unterlaufen: Lust auf Ökonomie, Bedürfnis/Wunsch und Ästhetik verkündete alleine schon…

  • Verantwortung – Anteilnahme – Dissidenz: Patriarchatskritik als Verteidigung des Lebendigen*

    Wenn es nach Claudia von Werlhof ginge, ja hätte sie jemals die Gelegenheit dazu gehabt, in dieser Sache Einfluss zu nehmen, so würde es diese Festschrift wahrscheinlich gar nicht geben. Claudia von Werlhof mag zwar in ihrer Erscheinung unübersehbar und in ihren messerscharfen Analysen unüberhörbar sein, doch ist sie zuletzt eine bescheidene Frau, der es…

  • Daniel Strassberg über Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung

    Als Gilles Deleuze und Félix Guattari 1972 den Anti-Ödipus veröffentlichten, war das Echo in der Nach-68er-Szene gross: Das Rhizom, die Falte, die Mannigfaltigkeit etc. waren bald in aller Munde. Doch gelesen, geschweige denn verstanden wurde das Buch kaum. Kann man sich aber von einem Buch begeistern lassen, das man nicht versteht? Oder ist dies blosse…

  • Denken und Gedachtes aufheben. Bloch-Wörterbuch. Leitbegriffe der Philosophie Ernst Blochs *

    Es gibt nicht viele Leute, die spontan einen Zugang zum Sprachstil von Ernst Bloch (1885–1977) finden. Was also hat es zu bedeuten, wenn das neue «Bloch-Wörterbuch» nicht dazu dienen soll, den Meister des utopischen Denkens zugänglicher zu machen, sondern explizit für die kleine Gemeinde der Bloch-KennerInnen da ist? Gewiss werden sich immer wieder Menschen finden,…

  • Zwischen Marxismus und liberaler Demokratie. Zum 60. Todestag von Franz L. Neumann*

    Vor 60 Jahren, am 2. September 1954 kommt Franz Leopold Neumann bei einem Autounfall im schweizerischen Visp (Kanton Wallis) ums Leben. Ein Anlass, an den Juristen und Politologen zu erinnern, der 1933 als Jude und SPD-Aktivist aus Deutschland vertrieben wird und im Exil für die US-Regierung und deren Nachkriegsplanungen für Deutschland tätig war.[1] Neumann gehört…

  • Mailänder Appetithäppchen. Eine Annäherung an den italienischen Differenzfeminismus*

    «Die feministische Bewegung ist voll von politischen und philanthropischen Eindringlingen. Wir warnen die männlichen Beobachter, uns zu ihrem Studienobjekt zu machen. Uns interessiert weder ihre Zustimmung noch ihre Polemik. Wir geben ihnen zu verstehen, dass es würdevoller für sie ist, sich nicht einzumischen.» Das war 1970. Die Autorin Carla Lonzi klinkte sich mit ihrem Text…

  • Das Heilige im Staat und das Opfer für den Staat in Paul Kahns Political Theology

    An amerikanischen Universitäten lässt sich in den letzten Jahren ein wachendes Interesse für die Konstellation von Fragen und Problemen beobachten, die traditionsgemäss zum Geschäft der «Politischen Theologie» gehören. Damit ist die Tradition politischen Denkens gemeint, die das Verhältnis von Religion, Theologie und Politik zu beleuchten versucht. Diese Renaissance sollte nicht überraschen. Eine Reihe von Ereignissen…

  • Mathias Eidenbenz über Claude Lévi-Strauss: Rasse und Geschichte

    Manchmal hilft ein Buch. Ich hatte mich in den 1980er Jahren etliche Jahre mit Rassismus beschäftigt. Mit der Rassenpolitik des «Dritten Reichs», ihrer pseudowissenschaftlichen Begründung, mit der Eugenik, ihrer Entstehung, mit der Geschichte der physischen Anthropologie, immer auf der Suche nach den Elementen der Xenophobie und des Rassismus. Eine Menge lässt sich auflösen («analysieren») und…

  • Die Ungleichheitsmaschine. Eine Übersicht zu Capital von Thomas Piketty*

    Der Kapitalismus ist eine Ungleichheitsmaschine. Unerlässlich für ihr Funktionieren ist, dass sie ständig durch Beigaben eines «neuen Sinns für Gerechtigkeit»[1] (Stefan Kaufmann) geölt wird. Dazu hat die Publikation Capital in the twenty-first century [2] von Thomas Piketty offenbar beträchtlich beigetragen. Was steckt dahinter? Hat man viel, so wird man bald Noch viel mehr dazubekommen. Heinrich…

  • Louis Kuhn über Albert Schweitzer: Kulturphilosophie. Verfall und Wiederaufbau der Kultur

    Am Anfang ist das Erleben. An einem provenzalisch warmen Nachsommertag langten wir auf den Spuren des Lebenswegs von Van Gogh in Saint-Rémy an. In der ehemaligen Nervenheilanstalt, wo er vorübergehend lebte und malte, überraschte mich an der Wand in einem ihrer Gänge eine eingerahmte vergilbte Zeitungsfotografie aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Darauf war mitten…

  • Hannah Arendt zwischen den Disziplinen

    Das zwischen Menschen entstehende Handeln im öffentlichen Raum definiert Hannah Arendt bekanntlich als Politik. Dieses Zwischen entsteht auch in anderen Zusammenhängen, wie die Abgrenzungen zwischen den Wissenschaftsdisziplinen zeigen. Solche Zwischenräume lotet Hannah Arendt in mancherlei Hinsicht aus. In zwölf Beiträgen geht dieser Band einigen davon nach, um zu zeigen, „welche Impulse Arendts Werk heute noch…

  • Beat Ringger über Paul Watzlawick: Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels

    Paul Watzlawick, systemischer Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler, ist vielen bekannt als Autor des Büchleins Anleitung zum Unglücklichsein , in dem er sich mit paradoxen Wirkungen von Kommunikationsmustern und inneren Dialogen auseinandersetzt. Weit weniger bekannt ist eines seiner grundlegenden Werke, das er 1974 zusammen mit zwei andern Wissenschaftlern der Palo-Alto-Gruppe am Mental Research Institute in Kalifornien verfasste…

  • Praktischer Sozialismus und geistige Aktion. Anmerkungen zu Karl Korsch

    Mit dem Siegeszug des Neoliberalismus ist die bürgerliche Gesellschaft in einen merkwürdigen Zustand der Selbstblockade getreten. Scheinbar allmächtig und unangefochten gibt es kaum eine substantielle Opposition, deren alternative Programmatik über das Bestehende hinausweisen würde. Die Entpolitisierung und Entdemokratisierung der westlichen Gesellschaften ist unter dem neoliberalen Paradigma weit vorangeschritten, von postpolitischen und postdemokratischen Verhältnissen eines autoritären…

  • Renaissance der Klassentheorie?*

    Bereits vor 20 Jahren vermutete unser geschäftsführender Redakteur Michael Heinrich (1994), wahrscheinlich würden sich nur noch ältere Leser und Leserinnen daran erinnern, dass das Akronym im Titel der Zeitschrift einst für „Probleme des Klassenkampfs“ stand. Er fuhr fort, dass sich mit der Änderung des Titels im Jahr 1976 nicht nur der Name des Projekts PROKLA…

  • Ist es einfach, im Marxismus Philosoph zu sein? 1 *

    Es ist mir eine Freude, der Universität Roskilde symbolisch als Doktor honoris causa assoziiert zu sein. Vor 36 Jahren war sie meine erste Auslandsuniversität als Lehrender, und ich habe in meiner dänischen Zeit viele weiterwirkende Impulse empfangen. Ich kam von der Freien Universität Berlin unter Umständen, zu denen ich gleich etwas sagen will. Zuvor aber…