Rolf Bossart
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Wieder anfangen mit Freud. Über die Haltbarkeit der Zivilisation: Klaus Heinrich zum 90. Geburtstag*
Der Religionsphilosoph und Mitbegründer der Freien Universität Berlin (FU) Klaus Heinrich feiert dieses Jahr seinen 90. Geburtstag. Viele seiner grossen Vorlesungen, immense, ohne Skript vorgetragene Stoffverhandlungen einer Geschichte der menschlichen Gattung und einer Theorie der Zivilisation, sind glücklicherweise in wunderbaren Ausgaben des Stroemfeldverlags greifbar, bedauerlicherweise ist aber bisher allzu vieles noch unveröffentlicht.[1] Um ins Zentrum…
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«Ich gebe, bis ich sterbe, meine Unschuld nicht preis.» Überlegungen zu Schuld und Unschuld bei «Five easy Pieces» und «Die 120 Tage von Sodom» von Milo Rau
«Five easy Pieces» (zusammen mit dem Kindertheater Campo in Gent, 2016) und «Die letzten Tage von Sodom» (zusammen mit dem Behindertentheater Hora am Schauspielhaus Zürich, 2017) sind die ersten zwei Teile einer Trilogie über Repräsentationsmöglichkeiten auf der Bühne von Milo Rau. Nachfolgend ein kleiner Versuch über die Frage, mit welchen Gefühlen und Interessen wir heute…
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Vorschlag zur Lesbarkeit der Trumpwahl*
Noch nie gab es eine solche Fülle von Interpretationsmöglichkeiten für die Wahl beziehungsweise Nichtwahl eines amerikanischen Präsidenten. Zu verdanken ist dies der grossen Faktenfreiheit des Wahlkampfs und den, positiv ausgedrückt, rätselhaften Charakteren und vielsagenden Programmen von Clinton und Trump. Darum ist auch nichts davon falsch, was jetzt viele als enttäuschte Freunde des Guten sagen: Dass…
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Medusische Stoffe/Peter Weiss zum 100. Geburtstag: «Das Floss der Medusa» im Roman Die Ästhetik des Widerstands und die fehlende Erwartung der Linken im 21. Jahrhundert
Beginnen wir mit der berühmten Feststellung der drei jungen Männer in der Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss[1] vor dem Pergamonaltar in Berlin: «Herakles fehlt!» Der alte, griechisch geprägte, tief in Schuld verstrickte Heroenkult war nach den zwei Weltkriegen unmöglich geworden. Doch weil an seine Stelle in der reaktionären deutschen Trümmerliteratur der Nachkriegszeit nur der…
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Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens*
Jean Ziegler ist einer der bekanntesten Schweizer. Vor allem aus der Sicht des Auslands, wo er durch seine Bücher, sein unermüdliches Engagement in Afrika und seine Funktionen in der UNO ein hohes Ansehen geniesst. In Locarno hatte dieses Jahr der Film «Jean Ziegler, l’optimisme de la volonté» Premiere. Anstatt ihm, der unzähligen Anliegen schon seine…
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Verdrängte Klassenfrage? Anmerkungen zum Brexit
Das Ja zum Austritt aus der EU ist zunächst eine Allianz zwischen den vielen tatsächlichen Verlierern, jenen, die sich als Verlierer sehen, jenen, die Angst haben, bald Verlierer zu werden und jenen paar Tausend, die guter Hoffnung sind, Gewinne zu machen durch diesen Schritt. Dass alle ausser dieser letzten Gruppe mit dem Ja nur Protest…
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Das Volk als Feind der Demokratie
Die meisten Theoretiker von Recht und Gerechtigkeit sind dem Volk gegenüber skeptisch eingestellt. In dieser Reserviertheit, die sich zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften beobachten lässt, kreuzen sich auf widersprüchliche Weise Arroganz und Weisheit der Elite. Als Fan von klassischen Texten behandle ich mit meinen Schülern seit fünfzehn Jahren das berühmte Höhlengleichnis von Platon,…
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Kultur haben. Variation über ein Thema von Herbert Marcuse*
Früher hatten die Barbaren keine Kultur. Heute haben alle Kultur, wenngleich sie bei den einen etwas kultureller ist. Es gibt Kulturveranstalter, Kulturmanager, Kulturlobbys, Kulturlokale, Kulturbetriebe, den Kulturbetrieb und, weil sie seit einigen Jahren bei uns so heissen, die Kulturschaffenden. Alle protestieren gegen Kulturabbau und sagen, dass man vom Kulturmachen in dieser Stadt schlecht leben könne,…
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Spekulationen über ein spezifisches Schuldgefühl nach den Attentaten von Paris*
Die Analysen und Kommentare, mit denen man nach Madrid, London und «Charlie Hebdo» den Terror so intelligent wegerklärt hat, beruhigen nicht mehr. Das ist der erste Gedanke. Weder die simplen, die behaupteten, dass dieser Terror nichts mit dem Islam zu tun habe, noch die klügeren, die glauben, dass dieser gewalttätige Islam ein Produkt der kapitalistischen…
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Vom Mitleid und vom Massengefühl in der Flüchtlingsdebatte. Überlegungen zu einer Emotionalisierung des Politischen am Beispiel einer Theaterinszenierung*
Seit Jahrzehnten ist „Andorra“, der Theaterklassiker um die Mechanismen der sozialen Ausgrenzung von Max Frisch, auf deutschen Bühnen präsent. Diesen Herbst hat das St. Galler Stadttheater das Stück aktualisiert und gestrafft auf die Bühne gebracht. *** Wenn ich es mit eigenen Augen gesehen hab. Hier an dieser Stelle. Erwiesen? Er fragt, ob das erwiesen sei.…
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Griechenland in den deutschen Medien
In den Schlagzeilen deutscher Medienerzeugnisse zu Griechenland ist seit Monaten ein neues deutsches Selbstverständnis abzulesen. Das Ausmass der allgemeinen Niedertracht im Griechen-Bashing hätte aber vor der Krise niemand für möglich gehalten. Nachdem am Sonntag die Gespräche, die man in einer eigentlichen Katastropheneuphorie mit Countdown und Liveticker zum Showdown hochstilisiert hatte, abgebrochen und das Referendum angekündigt…
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Heroismus der Erfahrung*
Die Wahrheit des Erlebens im Beschreiben zu wiederholen – die Welt also kühler, unverständlicher, unheimlicher, fremder, unmenschlicher und zugleich heißer, gegenwärtiger, zudringlicher, sichtbarer, menschlicher zu machen –, das ist das Schwierigste. Milo Rau, Die Welt ohne uns, Fragen der Methode Nun war das Theater für mich immer nur das: ein theoretischer Text, Theorie – diese…
