Als Pfingsten 2014 der Unternehmer und Rechtspolitiker Christoph Blocher und der linke Soziologieprofessor und Uno-Botschafter Jean Ziegler sich im «Tagesanzeiger» zum Thema Gottesglaube duellierten, gab es kein gemeinsames Erbe, kein Theorem oder Moralexempel (ob von Kant oder Marx), kein praktisches Bindeglied – ausser dem Theologen Karl Barth. Ein Zufall war das nicht. Der Faschismus hatte Barths in Marburg erlernten «kantianischen Sozialismus» zerschlagen, der eine Brücke vom Bildungsbürgertum zur radikaldemokratischen Linken schlug. Die Zeiten, wo Friedrich Engels mit bibelaufklärenden Schriften gegen die religiöse Verdummung der Arbeiterbewegung anging (wie der Safenwiler Barth mit Vorträgen über Krapotkin und Lenin), sind passé. Hegelische Hegemonietheorie (Gramsci) scheiterte an Carl Schmitt und der Konzentration des «Monopolkapitalismus», die Barth eine «theopolitische», ja «christologische Konzentration» aufnötigte (gegen die Münchener These von der «radikalen Autonomie Gottes», in der «Gehlens radikalisierter Handlungsbegriff» sich spiegle, s. Marquardt, «Zu-Sätze» zu Falk Wagner, 1973). Noch heute hängt bei mir das von Kurt Marti gewünschte Cover für Marquardts Barth-Studie mit den Köpfen von Marx, Engels & Barth («Karl Barth war Sozialist»), das in einer breiten Welle des Protestes unterging. Hauptärgernis war nicht die biografische, durch Barths Parteimitgliedschaft in der SPS 1915 und SPD 1932 «praktisch» beglaubigte Tatsache. Aber Barth hatte 1919 und 1933 allen Bindestrichen den Kampf angesagt (von «christlich-sozial», «religiös-sozial» bis «deutsch-christlich/-national») – und dem «sozialen» Anstrich der Marktwirtschaft (Emil Brunners) den Kredit verweigert! Das in seinen politischen Kampfschriften erneuerte «und»: Christentum und Sozialismus (1911-16 in: Rechtfertigung und Recht 1938, Christengemeinde und Bürgergemeinde 1946) war der eine Grund, um Marquardts «Theologie und Sozialismus» an den sämtlichen Theologischen Fakultäten zu verwerfen. Barth selber hatte nie akademisch promoviert und sein Meisterschüler Marquardt, der zuerst seine Kirche-und-Israel-Theologie dechiffrierte (erste Barth-Studie, 1967), suchte den 68er-Studenten endlich sozialistisch «Theologie zu erklären» – am Exemplum Barth mit H. Gollwitzer und über sie hinaus. Das war nötig gegen das «Friss Vogel oder stirb» (D. Bonhoeffer), das der Nachwuchsgeneration wie eine Verbotstafel der Theoriefeindlichkeit (des «Offenbarungspositivismus») den Zugang zur «Kirchlichen Dogmatik» (1932-67) verwehrte – jenem Lebenswerk, das G. Lukács die «grosse geistige Bewegung Deutschlands» nannte (von H. J. Iwand mitgeteilt an Barth 31.12.1959). Das Häretische an Marquardt bestand aber vor allem in der Inhärenz des früh-barthischen Sozialismus in der späteren Dogmatik, erfasst am «gegenständlichen» Theorie-Praxis-Verhältnis (zweite Feuerbachthese von Marx!) und an Barths Methodologie , erkennbar am «Gottesbegriff» – nicht Gott selbst! – und also an der «Denkform» einer Lehre, die in Sonderheit den Gott Israels zu bezeugen hat, nicht den Allgemein-«Gott» des Bürgertums und seiner Marktreligion, den sie vielmehr als «Götzen Markt» entthronte! Genau an dieser Nahtstelle beging Marquardt (epistemologisch) das «Verbrechen» (den Bruch), die einzig namhafte Theologie des 20. Jahrhunderts aus den Fesseln des Kapitalismus zu lösen und für radikale Theoriebildung zurück zu gewinnen – posthegelianisch und postmarxistisch (für mich damals: wie ein zweiter Herbert Marcuse!); etwa so wie die « rupture» Althussers es «Für Marx» leistete (1968), für bessere Freud-Leküre (Lacan), auch für bessern Leninismus (gegen Stalin), wo Althusser den «Theologen Barth» prominent für die Kritik der «ideologischen Staatsapparate» anführte. Das war für mich der kategorische Imperativ, nun selber die «Widerstehende Theologie. Karl Barth 1921-35» (Stuttgart 1982) in einer polit-ökonomischen Felderanalyse zu rekonstruieren – unter Dekonstruktion des «historisierten» und als «Faschisten» konservierten Weimarer «Karl Barth» (in Marquardts Nachwort 1985 als seine Studie biografisch wie «systematisch weiterführend» bejaht).
Der Rest ist in Kürze erzählt. Die Barth-Lektüren «von links» und «von rechts» wurden in Tübingen (E. Jüngel) derart hegelianisch vermittelt, dass nur die Berliner «Antithese» ihr Daseinsrecht verlor. Während die liberale Mitte vermeintlichen Dezisionismus in der Staatsbejahung Barths beklagte (im Ja und Nein zu Weimar gegen den NS-Staat, aber sichtlich gegen Adenauer – für die «DDR»!), ging die Rechte schon zur Zerschlagung des («monopolistischen») Staatsapparates über, der die Marktkräfte an freier Entfaltung hindere, als gelte es, Lenins Kritik des «staatsmonopolistischen Kapitalismus» endlich in die richtigen Bahnen des Antiaustromarxisten F. A. v. Hayek zu lenken. Marquardts «Verwegenheiten» (1981) deuteten den aktuellen Sinn der paradigmatisch aus der Liberalismuskrise erwachsenen Totalitarismuskritik Karl Barths prägnant als Wahrnehmung der «Immanenz des Politischen im Theologischen» (gegen Carl Schmitt), sowie als Immanenz des Jüdischen im Christlichen, die sich gegen jede dezisionistische «Unterscheidung» von Freund und Feind richtet, ja stellvertretend für alle Flüchtlinge dieser Erde, die vorbehaltlose Solidarität der Christen (im Staatskörper) mit dem aus dem «Volkskörper» ausgeschiedenen Judentum proklamiert (KD I/2, 1938). Für die letztere Variante verkörpert Jean Ziegler – für die erstere Blocher – den Sonderfall Schweiz. Aber wenn es je zu einer Hegemonie des demokratischen Sozialismus kommen sollte, dann bestimmt nicht ohne die Kirchen, nicht unter Absehung von lebenden Christinnen und Juden, geschweige denn von der Pioniertat Karl Barths.
Friedrich Wilhelm Marquardt: Theologie und Sozialismus. Das Beispiel Karl Barths , München 1972, mit einem Nachwort «Nach dreizehn Jahren» 1985.

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